Dorfbrand 1887

Am Sonntag, dem 24. Juli hatten wir uns gegen 12 Uhr gerade zu Tisch gesetzt, als mein Vater auf einmal aufsprang, ans Fenster lief und sagte: "Es brennt!" Tatsächlich stiegen unten beim alten Haus große Rauchschwaden auf. Ich sprang sofort zum Haus hinaus, aus den anderen Häusern kamen nun auch die Leute heraus. Ich lief über Mannes Wiese und sprang über das Eschwasser auf den Weg, da kam gerade das Strohdach von Pioniers (Schiere Haus), in welchem es brannte, heruntergerutscht und hüllte das Haus rundum in einen Flammengürtel, so daß fast nichts mehr gerettet werden konnte. Jetzt fing die Glocke an zu läuten, und die alte Spritze kam angefahren, der ich mich anschloß, um zu pumpen. Nachdem wir eben die Spritze ans Wasser gebracht hatten, brannte auf einmal auch Mannes Haus und gleich darauf die Scheune auf der Leye. Inzwischen war auch die neue Spritze herbei geführt, und weil dieselbe weiter vom Wasser abstehen konnte, sollte sie auf Mannes Gebäude spritzen, und die alte sollte bei Brückeweymers ans Wasser fahren. In dem Augenblick nun, wo wir mit der alten Spritze an Leye Scheune vorbei fuhren, kam das Dach heruntergerutscht und wäre uns beinahe auf die Spritze gefallen. Nachdem wir die Spritze in Gang gebracht und eben auf das Leyehaus, das nun auch brannte, spritzten, brannte es auf einmal auch am Lotzenberg, dann auf Weymers, Beitzels Scheune und Haus, Brückeweymers. Jetzt lief alles von der Spritze weg, jeder mußte nun im eigenen oder im Nachbarhaus retten, was zu retten war. Beitzels Mädchen rief: "Helft doch unseren Wagen aus der Scheune ziehen!" ich hab geholfen. Das Flammenmeer und die Glut waren nun ungeheuer, es knisterte und knatterte unheimlich, die Flammen loderten haushoch zum Himmel und fraßen wie gierige Ungeheuer, schneller als man gehen konnte, weiter. Auf dem freien Raum vor Beitzels und Weymers konnte man es schließlich kaum noch vor Hitze aushalten. Eine mehrwöchentliche Trockenheit hatte die Strohdächer und Fachwerkwände der Häuser so ausgetrocknet, daß nun das Feuer in ungehinderter Wut sich ausbreiten konnte. Und die gerade beendete Heuernte fiel ganz dem Feuer zum Opfer. Man denke sich das Bild, der größte Teil unseres Dorfes steht sozusagen gleichzeitig in ungeheuren Flammen, dazwischen laufende und schreiende Menschen und Tiere. Manches Huhn wurde augenblicklich von der züngelnden Glut verzehrt. Katzen rannten wie besessen davon. Die Menschen konnten oft nur unter Lebensgefahr alles Lebende retten. Ein besonders wagemutiger Helfer und Retter war Johann Georg Schmidt. Durch den infolge der Flammen entstehenden Luftzug von unten nach oben wurden leicht brennbare Gegenstände wie Fleischstücke, ganze Schinken und Speckseiten, Kleidungsstücke, einzelne durch Lehm und Rauch zusammengeschweißte Teile der Strohdächer usw. hoch gen Himmel geschleudert und flogen oft Kilometer weit weg. Durch diese fliegenden brennenden Teile wurde die rasend schnelle Ausbreitung des Feuers bewirkt. Im nächsten Frühjahr fanden wir auf unserem Acker in der Großewiese, also 2 km weit weg, den Rest eines solchen fortgetragenen Brandteils. Und immer wieder dasselbe Bild, sobald das Strohdach eines Hauses einige Minuten lang brannte, rutschte plötzlich dasselbe in ganzen Stücken und nacheinander herunter und umgab dann gleich das Haus an den Eingangsseiten mit einem Flammenmeer, das fast jedes weitere Heraustragen von Gegenständen vereitelte. Wahrscheinlich erfolgte dies Abrutschen des Daches durch Verbrennen der festhaltenden Strohseile. Wäre nicht durch einsetzenden Westwind das Feuer von den übrigen Häusern abgelenkt worden, dann wäre wohl kein Haus verschont geblieben, nun aber konnte an Lotzes Haus, das schon mehrmals Feuer gefangen hatte, durch die herbeigeeilten Diedenshäuser und die nicht betroffenen Wunderthäuser das Element zum Stillstand gebracht werden. Bald nach 1 Uhr war dieser Stand erreicht, in der kurzen Zeit von 1 1/4 Stunde waren 19 Wohnhäuser und 22 Nebengebäude in Asche gelegt. Natürlich brannten die Reste noch 1 bis 2 Tage weiter, ehe alle Gefahr beseitigt war und fand die bald eintreffende Berleburger Feuerwehr noch reichlich Arbeit, aber der eigentliche Brand war in der Hauptsache in der unglaublich kurzen Zeit von 1 1/4 Stunden erfolgt. An Gebäuden waren verbrannt: Schierehaus (Doppelhaus Pioniers und Schiere), Mannes Haus mit Scheune, Bau und Backhaus, Krohhaus (Neuhäusers), Gondermanns mit Scheune, Auf der Leye mit Scheune, Ludwiges, Brückeweymers mit Scheune und Schweinestall, Weymers mit Scheune, Stall und Schweinestall, Seilers mit Scheune und Schweinestall, Bormanns mit Scheune, Bau und Backhaus, Seimes mit Scheune und Laubschuppen, Beitzels mit Scheune und Schweinestall, Beckers mit Scheune und Schweinestall, Haase mit Scheune, Schäfers mit Scheune, Försters und Jörgehermes (Doppelhaus mit Scheune) und Gabels. Menschen waren glücklicherweise nicht verbrannt oder erheblich verletzt worden. In Mannes Haus waren 2 Kälber verbrannt. Wie das Feuer entstanden ist, konnte nicht aufgeklärt werden, es wurde allgemein geglaubt, es sei absichtlich gelegt worden.

Von Wilhelm Knoche aus Knoches Familienchronik

 

Auch der Lehrer Steinmeyer berichtet in der Schulchronik über diesen großen Brand:
Im Jahre 1888 waren sämtliche Häuser wieder aufgeschlagen. Die Abgebrannten wurden allseitig mit Lebensmitteln, Geld, Kleidungsstücken, Hand- und Spanndiensten bereitwillig unterstützt; denn fast alle hatten nichts als das Leben gerettet. Die Gemeinden Diedenshausen, Alertshausen, Elsoff, Wemlighausen und Girkhausen haben in hervorragender Weise Spanndienst geleistet. Da ist keiner der Abgebrannten, der nicht schuldig wäre, dies in dankbarer Erinnerung zu behalten. Durch die Versicherungs- und Unterstützungsgelder sind wohl die meisten wieder zurecht gekommen. "Krieg und Brand segnet Gott mit voller Hand!"

Original

1893

Lehrer Steinmeyer schreibt folgendes:
Am 16. April abends 1/2 11 Uhr entstand, wahrscheinlich durch Brandstiftung, Feuer an dem Laubstalle der Witwe Lauber-Hohmanns, welches sich rasch über die Gebäude des Ludwig Strackbein-Langes, Friedrich Wahl, Ludwig Riedesel-Wetzels, Johannes Strackbein-Kellers und Heinrich Homrighausen-Linde verbreitet und vollständig einäscherte. Das Wohnhaus des letzteren wurde gerettet. In demselben Jahre sind sämtliche Gebäude wieder aufgebaut.

1903

Auf Seite 50 der Schulchronik lesen wir:
Das Jahr 1903 ist in der Geschichte des Dorfes wie die Jahre 1887 und 1893 eigentlich mit blutroten Lettern zu verzeichnen. Nicht mit Unrecht ist unser Dorf "Brandhausen" genannt worden. Wieder sind mehrere Wohnhäuser ein Raub der Flammen geworden: Wohnhaus und Scheune des Maurers Lückel am Hallenberger Weg, des Landwirts Ludwig Strackbein (Gundermanns), des Ludwig Riedesel (Franzose), Wohnhaus des Maurers Eduard Riedesel in der Hude, Wohnhaus, Stall und Schmiede des Landwirts Homrighausen (Lipses) und in 1904 Wohnhaus des Tagelöhners Ludwig Riedesel auf der sogenannten Petersburg.

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